Manchmal hat man das Glück Menschen kennenlernen zu dürfen, die einen vom ersten Moment an faszinieren. So ein Mensch ist für mich Anja Gockel.

Nach meinem Blogpost „Wo bleibt da der Mehrwert?“ bekam ich ganz unverhofft eine E-Mail von ihr. Ich habe mit diesem Beitrag genau ihre Meinung getroffen und daraufhin wurde ich herzlich eingeladen, damit wir uns näher kennenlernen und uns über dieses brisante Thema unterhalten können. Im ersten Moment wusste ich gar nicht was ich sagen sollte, wer ahnt schon welche Beitragsreichweite so ein Artikel haben könnte? Auf der anderen Seite war ich auch Stolz und erleichtert das ich gehört wurde, vor allem von einer so wichtigen deutschen Designerin wie Anja Gockel die ebenfalls jede Saison ihre Mode auf der Berlin Fashion Week präsentiert.

Nach dem ersten Treffen war ich fasziniert von Anja, von ihrer Leidenschaft, ihrer positiven Einstellung und ihrem ganzen Auftreten. Die Sympathie beruhte wohl auf Gegenseitigkeit, denn ich darf euch 2018 nun auch Einblicke hinter die Kulissen der Modewelt von Anja Gockel geben. Wieviel Arbeit hinter so einer Kollektion steht, wo die Ideen dafür herkommen und natürlich was es bedeutet „Made in Germany“ zu produzieren. Damit ihr aber auch Anja Gockel etwas näher kennenlernt, habe ich Euch 10 Fragen stellen lassen, welche sie mir natürlich sehr gerne in ihrem Atelier in Mainz beantwortet hat.

Hier sind sie, 10 Fragen von euch an Anja Gockel gestellt:

  1. Wie bist du zur Mode gekommen?

Ich bin mit Jungs aufgewachsen also nicht besonders Modebewusst. Trotzdem brachten mich Kunst und Design im Laufe der Zeit zur Leidenschaft für Mode. Alles sprach eigentlich dafür, dass ich den Weg meiner Eltern einschlagen sollte. Medizinerin werden! Doch ich wollte mehr! Mit dem Stipendium für Amerika in der Tasche, bewarb ich mich an einer Kunstschule in Hamburg. Schon bei der Mappenerstellung wusste ich, dass dies genau mein Element ist. Sechzehn Stunden am Tag zu zeichnen um die Mappe fertig zu bekommen, war nichts Schlimmes was mich unter Druck gesetzt hat, ich merkte genau DAS WILL ICH!

Von diesem Zeitpunkt an ergab sich alles, als wäre man eine Karriere am Reißbrett geplant worden, obwohl ich nie vorher gewusst habe was zwei Monate später sein würde, es gehört einfach eine große Portion Mut sowie Vertrauen in die eigene Arbeit dazu. Man muss immer mit ganzer Leidenschaft und voller Energie in Alles investieren, nur dann weiß man, dass man sein Bestes gegeben hat und wenn es dann nicht sein soll, dann kann man zumindest mit bestem Gewissen sagen, dass man alles dafür getan hat.

  1. Welcher deiner Kollektion ist deine bisher liebste?

„Gegenfrage, welches deiner vier Kinder ist dein liebstes?“ Das ist eine sehr schwierige Frage… Die spektakulärste und auf eine Art schmerzhafteste war „Lucy in the Sky“ meine erste Kollektion als Designerin, 100 Stunden vorher hatte ich nicht geschlafen, während meiner Studienzeit in London. Für eine Person alleine war es einfach viel zu viel Arbeit, versuchter Selbstmord sozusagen. Aber das war eine Erfahrung die mich geprägt hat. Da habe ich gemerkt, dass wenn man wirklich 100% des möglichen gibt, man dies nicht ewig durchhält. Sowas macht einen kaputt und dann hält man keine 20-30 Jahre in der Branche durch. Daher lebe ich nach der 80/20 Regel, Arbeit und Lust sowie Zeit für sich. Zwei Monate nach der Kollektion konnte ich damals erst wieder weitermachen und einen Fuß vor die Tür setzen, da ich mich so verausgabt hatte.

  1. Was ist dein Erfolgsrezept?

Beständigkeit und Liebe zu dem was ich tue. Beständigkeit heißt, dass es Probleme gibt, aber man kann sie immer irgendwie lösen. Passend zu dem Thema, habe ich erst letztens Reframing kennengelernt. Reframing bedeutet, das man Dinge die einen Stören und sogar nerven aus einem ganz anderem Blickwinkel betrachten soll. Wenn jemand total chaotisch ist und andauernd überall alles liegen lässt. Im ersten Moment fragt man sich natürlich was könnte daran auch positiv sein? Wie könnte das, dich positiv beeinflussen? Dann kann man ein solches Verhalten z.B. so betrachten, dass die Person dafür so kreativ und sie einfach total begeisterungsfähig ist, durch das Chaos sofort auf neue Ideen kommt.

 

  1. Woher kommen dir die Ideen für die Kollektionen?

Ich brauche viel Anregung von außen, mit einem weißen Blatt Papier bin ich ganz schlecht! Der Tanz zum Beispiel, der Tanzgruppe „Soul Chain“ hat mich unheimlich beeindruckt, diese Energie einfach atemberaubend. Es war schlicht und einfach, die Körpersprache, nicht die Kostüme die irgendwie besonders waren, sondern dass was die Tanzgruppe auf der Bühne rüberbrachte. Die Idee der Geschlossenheit, hat mich noch einmal bestätigt, dass die Kollektion ein Ganzes sein muss, in sich ein Ganzes ergibt. Außerdem ist der Einfluss von jungen Mitarbeitern mir besonders wichtig, einfach offen zu sein, für neue Details oder Ideen.

  1. Wenn du nicht in der Modebranche arbeiten würdest, was wäre dann dein Beruf?

Speaker! Ich rede unheimlich gerne.  Interviews oder auch Themen die mich interessieren und über die ich referieren darf, fallen mir unheimlich leicht. Dieses Druckszenario, auf den Punkt da zu sein, kann ich unheimlich gut. Ich bekomme kein Lampenfieber, sondern bin dann total konzentriert und fokussiert!

Als Tipp, wenn man eine Rede halten muss: Stichpunkte aufschreiben, aber frei reden! Du merkst dir alles als Zuhörer was freigesprochen wird und alles was auswendig gelernt wurde, vergisst der Kopf sofort wieder. Es ist nicht authentisch, es berührt dich nicht. Stammeln oder faden verlieren ist nicht schlimm, das ist menschlich! Dadurch macht man sich angreifbar aber auch nahbar!

  1. Was inspiriert dich?

Das Leben, Theater, Kunst alles was mir auf meinem Weg liegt. Man muss Sehen lernen, es begegnet einem jeden Tag so viel Kreatives aber wir haben verlernt es zu sehen oder wahrzunehmen.

 

  1. Wie stellst du dir die Frau vor, die deine Mode trägt?

Herzlich und authentisch!

 

  1. Was möchtest du mit deiner Mode aussagen?

Ich möchte tollen Frauen mit meiner Mode Sichtbarkeit verleihen! Ich möchte das man Sie noch viel mehr wahrnimmt, noch mehr als wenn sie nicht Anja Gockel tragen würden, Sichtbarkeit ist sehr wichtig. Gerade jetzt, wo eigentlich noch so viel mehr Potential in uns liegt, wir es aber noch nicht ausleben. Frauen auf die gleiche Augenhöhe wie Männer zu bringen. Da braucht es keine Diskussion ob Frauenquote oder nicht, diese Diskussion sollte völlig unnötig sein, da dies selbstverständlich sein sollte. Egal ob Mann oder Frau, beide müssen die selben Chancen und Möglichkeiten haben sich beruflich auszuleben. Auch diese Stutenbissigkeit oder Zockereien untereinander, haben wir Frauen gar nicht nötig. Dieses gezwungene sich untereinander beweisen zu müssen brauchen wir nicht! Wir sollten uns eher unterstützen als uns gegenseitig in den Rücken zu fallen.

  1. Warum Mainz?

Weil ich der Liebe wegen nach Mainz gekommen bin, Ich bin hier geboren und schwor mir eigentlich nie wieder zurück zu kehren, doch mein Mann hat dies geschafft. Ich war viel unterwegs, Amerika, Hamburg, London Mailand… Mit dieser Lebenserfahrung und der großen weiten Welt im Rücken die ich bereits gesehen hatte zu diesem Zeitpunkt, konnte ich guten Gewissens nach Mainz zurückkommen und eine Familie gründen. Denn Mainz ist in der Hinsicht auf jeden Fall eine bessere Wahl als eine 3 Millionen Stadt. Hier ist alles überschaubar, was man einfach in einer Großstadt nicht hat.

Lieber ein großer Fisch in einem kleinen Teich, als ein kleiner Fisch in einem großen Teich!

 

  1. Wie bringst du Karriere und Kinder unter einen Hut?

Liebe, Vertrauen, Zuversicht und Mut! Viel Management, tolle Mitarbeiter die einen unterstützen. Schlicht und einfach Hilfe! Man muss aber auch einfach nach ihr fragen! Egal ob fachlich, psychologisch oder eine Hand die anpackt. Man muss das Vertrauen darin haben, das es funktioniert, zuversichtlich sein und einfach Ruhe bewahren. Vertrauen in die Kinder und einfach die Nerven behalten. Gelassenheit, denn die Probleme die Frauen früher hatten wie Anerkennung des Feminismus, was ich ganz einfach anders bezeichnen würde, nämlich für seine Spezies einstehen. Ist nun zu einem innerlichen Kampf geworden, den viele Frauen führen. Wollen wir nur arbeiten oder wollen wir auch dabei Karriere machen? Wenn wir das wollen, nimmt es uns keiner ab nur intensiv dafür zu arbeiten. Frauen können nicht so einfach Respekt im Business einfordern, wenn wir das Spiel nicht mitspielen. Karriere machen oder Weiterkommen geht nur wenn man viel gibt wie Leidenschaft und Durchhalte- und Durchsetzungsvermögen hat.

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Vielleicht versteht ihr mich ja jetzt ein bisschen besser, warum Anja mich so begeistert hat. Ich freue mich jetzt schon unheimlich auf der Fashion Week in Berlin, bei den Vorbereitungen zur Show vorbeizuschauen und euch dann zeigen zu dürfen wie es die Zeichnungen und Stoffe auf den Laufsteg geschafft haben.

Liebste Grüße,